Antonio Gramsci
1891 bis 1937
Ein Staatsanwalt wollte dieses Gehirn zwanzig Jahre stilllegen, doch genau dort entstanden die Gefängnishefte.
Rom, 2. Juni 1928, Saal des Sondergerichts zum Schutz des Staates. Auf der Anklagebank sitzen zweiundzwanzig Kommunisten, unter ihnen ein kranker Mann mit verwachsenem Rücken, kaum eineinhalb Meter groß. Der Staatsanwalt Michele Isgrò fordert Höchststrafen, und überliefert ist von ihm der Satz, man müsse dieses Gehirn zwanzig Jahre lang am Arbeiten hindern. Am 4. Juni fällt das Urteil: zwanzig Jahre, vier Monate, fünf Tage. Acht Monate später, am 8. Februar 1929, beugt sich Antonio Gramsci im Zuchthaus von Turi über ein leeres Schulheft und notiert eine Liste der Themen, die er bearbeiten will. Der Staatsanwalt hatte sich geirrt.
Der Junge aus Ghilarza
Geboren am 22. Januar 1891 in Ales auf Sardinien, aufgewachsen in Ghilarza. 1898 wird der Vater verhaftet, die Familie rutscht ins Elend. Als Halbwüchsiger schleppt Antonio im Katasteramt Registerbände, die fast so schwer sind wie er selbst. Ein Wirbelsäulenleiden, vermutlich Knochentuberkulose, lässt ihn klein und bucklig bleiben. 1911 gewinnt er ein Stipendium für Turin und studiert Sprachwissenschaft, 1915 bricht er ab, weil Geld und Gesundheit fehlen, und schreibt fortan für die sozialistische Presse.
Turin ist damals die Fabrikstadt Italiens. Dort macht Gramsci die Entdeckung, die ihn nie wieder loslässt: Arbeiter können sich nicht nur als Gewerkschafter organisieren, sondern als Produzenten, die den Betrieb selbst führen. Am 1. Mai 1919 gründet er mit Togliatti, Terracini und Tasca die Wochenschrift L’Ordine Nuovo, die zum Sprachrohr der Fabrikräte wird. Im September 1920 besetzen die Metallarbeiter die Werke, und die Räte halten die Produktion wochenlang selbst am Laufen. Dann bricht die Bewegung zusammen, weil Partei- und Gewerkschaftsspitze nicht mitziehen. Zwei Jahre später marschieren die Faschisten auf Rom.
Der Wendepunkt
Am 21. Januar 1921 spaltet sich in Livorno die kommunistische Fraktion ab und gründet die Kommunistische Partei Italiens. Gramsci ist dabei, führt aber noch nicht, die Linie bestimmt Amadeo Bordiga. 1922 geht Gramsci nach Moskau, erkrankt schwer und lernt im Sanatorium Julia Schucht kennen, mit der er zwei Söhne haben wird. Den jüngeren bekommt er nie zu Gesicht. 1924 kehrt er als gewählter Abgeordneter zurück und übernimmt die Parteiführung. Er dreht den Kurs weg vom Zirkel der Rechthaber, hin zum Bündnis. Die Lyoner Thesen von 1926 und sein unvollendeter Aufsatz zur Süditalienfrage benennen, was bis heute gilt: Ohne die Bauern des armen Südens gewinnt die Arbeiterbewegung des Nordens gar nichts. Im selben Jahr warnt er brieflich vor dem Fraktionskrieg in der russischen Partei, Togliatti leitet den Brief nicht weiter. Am 8. November 1926 wird Gramsci verhaftet. Seine parlamentarische Immunität ist den Faschisten keine Zeile wert.
Was das Gehirn im Zuchthaus baute
In Turi entstehen zwischen 1929 und 1935 gut dreißig Hefte mit weit über zweitausend Seiten, geschrieben unter den Augen der Zensur, weshalb Marxismus dort Philosophie der Praxis heißt. Gramsci stellt eine unbequeme Frage: Warum hat die Revolution im Westen verloren, obwohl die Verhältnisse reif schienen? Seine Antwort heißt Hegemonie. Herrschaft stützt sich nicht nur auf Polizei, Gerichte und Eigentum, sondern darauf, dass die Beherrschten die bestehende Ordnung für normal, vernünftig und alternativlos halten. Dieses Einverständnis wird täglich neu hergestellt, in Schulen, Zeitungen, Kirchen und Vereinen. Wer dort nichts zu sagen hat, gewinnt auch keine Macht im Staat. Deshalb brauche es einen langen Stellungskrieg um die Köpfe und Intellektuelle, die aus der Klasse selbst kommen. An seinen Bruder Carlo schreibt er am 19. Dezember 1929 aus der Zelle: „Ich bin Pessimist mit dem Verstand, aber Optimist durch den Willen.“ Die Formel hatte er sich 1920 in L’Ordine Nuovo bei Romain Rolland geliehen und zur eigenen gemacht.
Der Körper hält das nicht aus. 1934 kommt er bedingt frei, im April 1937 ganz, sechs Tage später stirbt er in Rom, sechsundvierzig Jahre alt. Seine Schwägerin Tatiana Schucht rettet die Hefte, 1938 gehen sie nach Moskau, ab 1948 erscheinen sie gedruckt. So kam das Werk eines Häftlings in die Welt.
Warum das heute zählt
Gramsci beschrieb Zeiten, in denen das Alte nicht mehr trägt und das Neue nicht durchkommt, und in denen genau dieser Zwischenzustand die Ungeheuer ausbrütet. Wer 2026 auf Europa blickt, erkennt das wieder. Die Rechte hat Gramsci gründlicher gelesen als manche Linke. Ihr Aufstieg begann nicht in Parlamenten, sondern in Verlagen, Talkshows, Kommentarspalten und Kanälen, wo ihre Begriffe so lange wiederholt wurden, bis sie selbstverständlich klangen. Wahlergebnisse stehen am Ende dieses Prozesses, nicht am Anfang. Mehrheiten entstehen eben nicht, weil jemand die besseren Zahlen vorlegt. Sie entstehen, wenn Menschen ihre eigene Erfahrung in einer Erklärung wiederfinden. Wer Miete, Schichtdienst, Pflegenotstand und Rüstungsmilliarden täglich am eigenen Leib spürt, glaubt keiner Statistik, sondern denen, die neben ihm stehen. Das ist Hegemonie von unten: im Stadtteil, im Betrieb, im Verein, in der Mieterinitiative, geduldig und über Jahre. Gramsci war kein Heiliger. Seine Partei hat Fehler gemacht, für die andere bezahlten, und vieles in den Heften blieb Fragment. Die Aufgabe aber steht unerledigt vor uns: die Köpfe gewinnen, während man die Verhältnisse angreift.
„Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: in diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen.“