Porträt von Clara Zetkin
Foto: unbekannt, 1897. Gemeinfrei, über Wikimedia Commons.
Frauenrechtlerin und Reichstagsabgeordnete

Clara Zetkin

1857 bis 1933

Mit 75 Jahren, fast blind, eröffnete sie 1932 den Reichstag und sagte den Nazis ins Gesicht, was zu tun sei.

Medaille anklicken: das Zitat steht auf der Rückseite.

Berlin, 30. August 1932. Der neu gewählte Reichstag tritt zusammen, die NSDAP ist stärkste Fraktion, ihre Abgeordneten sitzen in Uniform im Saal. Eröffnen muss die älteste Abgeordnete, so will es die Geschäftsordnung, und das ist Clara Zetkin: 75 Jahre alt, fast erblindet, so schwach, dass sie gestützt zum Präsidentenpult gebracht werden muss. Angereist ist sie aus der Sowjetunion, wo sie seit Jahren behandelt wird. Dann redet sie, mit dünner Stimme, aber ohne eine Zeile auszulassen. Über die Krise des Kapitalismus, über jene, die den Faschisten den Weg gebahnt haben, über den einzigen Ausweg: „Das Gebot der Stunde ist die Einheitsfront aller Werktätigen“, heißt es in dieser Reichstagsrede. Zum Schluss eröffnet sie das Parlament in der Hoffnung, eines Tages „als Alterspräsidentin den ersten Rätekongreß Sowjetdeutschlands zu eröffnen“. Kurz darauf wählt dasselbe Haus Hermann Göring zum Präsidenten.

Ein Schulhaus in Sachsen, ein Bruch

Geboren wird sie am 5. Juli 1857 in Wiederau bei Leipzig als Clara Eißner, Tochter eines Dorfschullehrers und Organisten. Die Mutter hält Verbindung zur frühen Frauenbewegung, im Haus ist die Bildung von Mädchen kein Skandal. 1872 zieht die Familie nach Leipzig, Clara besucht das Lehrerinnenseminar von Auguste Schmidt, einer Führungsfigur der bürgerlichen Frauenbewegung. Dort lernt sie das Argument kennen, gegen das sie ihr Leben lang anschreibt: dass Bildung und gute Manieren schon genügen. Über russische Emigranten stößt sie auf den Sozialismus und auf Ossip Zetkin. 1878 tritt sie der Sozialistischen Arbeiterpartei bei, im selben Jahr macht das Sozialistengesetz aus dieser Partei eine verfolgte Organisation. Mit der Familie bricht sie darüber.

Exil, Armut, eine Zeitung

1882 geht sie ins Exil, erst Zürich, dann Paris. Sie nimmt Ossip Zetkins Namen an, ohne ihn zu heiraten, lebt von Übersetzungen und Privatstunden, zieht zwei Söhne groß. Im Juli 1889 sitzt sie im Pariser Gründungskongress der Zweiten Internationale, unter rund vierhundert Delegierten sind eine Handvoll Frauen. Ihre Rede erscheint im selben Jahr als Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der Gegenwart, und darin steht der Gedanke, der sie von den bürgerlichen Frauenvereinen trennt: Nicht Wohltätigkeit und nicht der gute Wille der Männer befreien die Frau, sondern eigene Lohnarbeit und die Organisation ihrer Klasse. Ab 1892 macht sie daraus tägliche Arbeit. Fünfundzwanzig Jahre leitet sie Die Gleichheit, vor dem Ersten Weltkrieg mit mehr als hunderttausend Abonnentinnen.

Kopenhagen 1910, und wie der Frauentag wirklich entstand

Am 27. August 1910 bringt sie auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen mit Käte Duncker und anderen einen Antrag ein. Der Beschluss klingt nüchtern: Die sozialistischen Frauen aller Länder sollen jedes Jahr einen Frauentag veranstalten, „der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht dient“. Ein Datum nennt er nicht. Der erste Frauentag wird am 19. März 1911 in Deutschland, Dänemark, Österreich-Ungarn und der Schweiz begangen. Erst 1921 legt die Zweite Internationale Konferenz kommunistischer Frauen in Moskau den 8. März fest, zur Erinnerung an den Streik der Petrograder Arbeiterinnen, der 1917 die Februarrevolution auslöste. Die beliebte Geschichte vom New Yorker Textilarbeiterinnenstreik 1857 ist dagegen eine Legende ohne Belege.

Gegen den Krieg, gegen den Faschismus

1914 bewilligt die SPD-Fraktion die Kriegskredite. Zetkin ruft im März 1915 eine internationale Konferenz sozialistischer Frauen nach Bern, eine der ersten gegen diesen Krieg, und sitzt dafür vier Monate in Haft. 1917 nimmt die Partei ihr Die Gleichheit weg. Sie gehört zur Spartakusgruppe, zu den Gründerinnen der USPD, ab 1919 zur KPD, für die sie von 1920 bis 1933 im Reichstag sitzt. Am 20. Juni 1923 legt sie der Exekutive der Kommunistischen Internationale den Bericht Der Kampf gegen den Faschismus vor, die erste ernsthafte marxistische Analyse dieser Bewegung: keine bloße Schlägertruppe des Kapitals, sondern ein Sammelbecken für Deklassierte und Verzweifelte aus allen Schichten, also nicht allein mit Gewalt zu schlagen, sondern politisch, Mensch für Mensch. Durchgesetzt hat sie sich damit nicht. Die eigene Partei erklärte die Sozialdemokratie zum Hauptfeind und verbaute so die Einheitsfront, für die Zetkin warb. Sie stirbt am 20. Juni 1933, auf den Tag zehn Jahre nach jenem Bericht, in Archangelskoje bei Moskau.

Warum das heute zählt

Der 8. März 2026 ist Frauentag, in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern sogar gesetzlicher Feiertag (seit 2019 und 2023). Geschenkt bekommen hat ihn niemand, er ist der Beschluss von Arbeiterinnen ohne Wahlrecht. Zetkins Rechnung stimmt weiter. Laut Statistischem Bundesamt verdienten Frauen 2025 pro Stunde 16 Prozent weniger als Männer, im Westen 17 Prozent, im Osten 5. Zählt man Arbeitszeit und Erwerbsbeteiligung dazu, klafft eine Lücke von 37 Prozent, und sie entsteht dort, wo Pflege, Kinder und Haushalt unbezahlt hängen bleiben. Gleichzeitig sitzt seit 2025 mit der AfD eine Partei als zweitstärkste Kraft im Bundestag, die das traditionelle Familienbild zum Programm erhebt und Gleichstellungspolitik bekämpft. Wer daraus nur Empörung zieht, hat von Zetkin nichts gelernt. Ihre Antwort hieß Organisierung: im Betrieb, im Stadtteil, über Partei- und Verbandsgrenzen hinweg. Der Satz, der auf dieser Seite in der Medaille steht, war nie als Trostpflaster gemeint. Er war eine Arbeitsanweisung.

„Lassen wir uns nicht schrecken durch die Ungunst äußerer Umstände, haben wir für alle Schwierigkeiten nur eine Antwort: Erst recht!“