Porträt von Rosa Luxemburg
Foto: unbekannt, 1910er Jahre. Gemeinfrei, über Wikimedia Commons.
Mitgründerin der KPD

Rosa Luxemburg

1871 bis 1919

Sie stritt gegen Bernstein, gegen Lenin und gegen den Krieg. Am 15. Januar 1919 brachten deutsche Offiziere sie um.

Medaille anklicken: das Zitat steht auf der Rückseite.

Am 20. Februar 1914 stand eine 42-jährige Frau vor der Frankfurter Strafkammer, angeklagt wegen Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze. Sie hatte im September 1913 auf Versammlungen bei Frankfurt gegen Militarismus und Krieg gesprochen und die Arbeiter aufgefordert, im Kriegsfall nicht auf ihre Klassenbrüder in Frankreich und anderswo zu schießen. Rosa Luxemburg nutzte den Prozess als Bühne. Das Gericht verurteilte sie zu einem Jahr Gefängnis. Ein halbes Jahr später bewilligte die Reichstagsfraktion ihrer eigenen Partei die Kriegskredite.

Ein Holzhändlerkind aus Zamość

Geboren wurde sie am 5. März 1871 in Zamość im russisch beherrschten Königreich Polen, als fünftes Kind eines jüdischen Holzhändlers. 1873 zog die Familie nach Warschau. 1888 bestand sie dort das Abitur als Klassenbeste, die Goldmedaille verweigerte man ihr wegen ihrer oppositionellen Haltung. Im Dezember war ihr die Zarenpolizei auf den Fersen, im Februar 1889 saß sie im Zug nach Zürich. Dort studierte sie ab Oktober 1889 und promovierte im Mai 1897 magna cum laude über die industrielle Entwicklung Polens. 1893 gehörte sie zu den Gründern der Sozialdemokratie des Königreichs Polen. Um legal nach Deutschland zu kommen, heiratete sie am 19. April 1898 in Basel den Schlosser Gustav Lübeck, eine Zweckehe für die preußische Staatsbürgerschaft. Im Mai 1898 zog sie nach Berlin und trat in die SPD ein.

Die Ketzerin in den eigenen Reihen

Sie fing sofort an zu streiten. Eduard Bernstein hatte erklärt, der Kapitalismus lasse sich Schritt für Schritt hinüberreformieren. Luxemburg antwortete 1899 mit Sozialreform oder Revolution?: Reformen ersetzen den Kampf nicht, sie sind sein Mittel. Fünf Jahre später traf es Lenin. In Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie (1904) griff sie seinen Entwurf einer von oben durchregierten Partei an und schrieb den Satz, der bis heute wehtut: „Fehltritte, die eine wirklich revolutionäre Arbeiterbewegung begeht, sind geschichtlich unermeßlich fruchtbarer und wertvoller als die Unfehlbarkeit des allerbesten Zentralkomitees.“ Die Revolution von 1905 bestärkte sie: Massenstreiks, schrieb sie 1906 in Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, beschließt kein Vorstand, sie wachsen aus den Kämpfen. Ab 1907 lehrte sie an der Parteischule der SPD in Berlin, 1913 erschien ihr Hauptwerk Die Akkumulation des Kapitals, ihre ökonomische Erklärung des Imperialismus.

Der 4. August 1914

Als die SPD-Fraktion an diesem Tag die Kriegskredite bewilligte, war für Luxemburg eine Epoche zu Ende. Sie sammelte die Kriegsgegner in der Gruppe Internationale, aus der der Spartakusbund wurde. Der Staat antwortete mit Haft. Am 18. Februar 1915 trat sie die Frankfurter Strafe an, ab Juli 1916 folgte Schutzhaft ohne Urteil, in Wronke und in Breslau. Zwischen 1915 und 1918 saß sie drei Jahre und vier Monate hinter Gittern. Geschrieben hat sie trotzdem: 1915 entstand Die Krise der Sozialdemokratie, 1916 in Zürich unter dem Decknamen Junius gedruckt. Im Herbst 1918 arbeitete sie in der Breslauer Zelle an einem Manuskript über die russische Revolution, das sie nie fertig bekam. Darin verteidigte sie die Bolschewiki gegen ihre bürgerlichen Kritiker und ging zugleich hart mit ihnen ins Gericht, weil sie die Konstituante auflösten und die Demokratie auf eine Partei verengten. Paul Levi veröffentlichte den Text 1922.

Neun Wochen Freiheit

Am 9. November 1918 kam sie frei, einen Tag später war sie in Berlin und machte mit Karl Liebknecht Die Rote Fahne. Zum Jahreswechsel gründete sich die KPD. Der Parteitag übernahm ihr Programm fast unverändert und stimmte sie zugleich nieder, als sie für die Teilnahme an den Wahlen warb. Den Januaraufstand hielt sie für verfrüht und schlecht vorbereitet, in den Rücken fiel sie den Aufständischen öffentlich trotzdem nicht. Am 15. Januar 1919 gegen 20.30 Uhr holte eine Wilmersdorfer Bürgerwehr sie, Liebknecht und Wilhelm Pieck aus einer Wohnung in der Mannheimer Straße. Gegen 22 Uhr war sie im Eden-Hotel, dem Stab der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, wo Hauptmann Waldemar Pabst die Verhöre leitete. Gegen 23.30 Uhr führte man sie hinaus. Der Jäger Otto Runge schlug ihr mit dem Gewehrkolben auf den Kopf, im Wagen setzte Leutnant zur See Hermann Souchon ihr die Pistole an die linke Schläfe. Ihre Leiche warfen die Täter in den Landwehrkanal. Geborgen wurde sie erst am 31. Mai 1919, beigesetzt am 13. Juni. Das Feldkriegsgericht der Division sprach im Mai 1919 fast alle frei. Pabst wurde nie vorgeladen, nie angeklagt, er starb 1970 in Düsseldorf.

Warum das heute zählt

2026 wird wieder aufgerüstet, wieder winken Parlamente Militärhaushalte durch, jede Nachfrage gilt als naiv. Luxemburgs Frage von 1914 ist unverändert brauchbar: Wem nützt das Geld, und wer bezahlt es? Den Bruch ihrer Partei las sie nicht als Betriebsunfall, sondern als Ergebnis eines Apparats, der seinen Mitgliedern das Denken abgewöhnt hatte. Deshalb gehört ihr Streit mit Lenin hierher und nicht in die Fußnote. Wer Widerspruch in den eigenen Reihen für Luxus hält, bekommt am Ende keine Schlagkraft, sondern Erstarrung. Der Satz über die Freiheit, der auf dieser Seite in der Medaille steht, stammt aus genau diesem Breslauer Manuskript von 1918. Er war kein Gedanke für Sonntage, sondern eine Warnung an Genossen, die gerade an der Macht waren.

„Freiheit ist immer nur Freiheit des anders Denkenden.“