Porträt von Wladimir I. Lenin
Foto: Pawel Schukow, 1920. Gemeinfrei, über Wikimedia Commons.
Revolutionär und Theoretiker

Wladimir I. Lenin

1870 bis 1924

Im Januar 1917 hielt er die Revolution für die Sache der nächsten Generation. Zehn Monate später führte er die Regierung.

Medaille anklicken: das Zitat steht auf der Rückseite.

Am 22. Januar 1917 stand ein 46 Jahre alter Emigrant im Züricher Volkshaus und sprach vor jungen Schweizer Arbeitern über die russische Revolution von 1905. Er schloss mit einem Satz, der wie ein Abschied klang: „Wir, die Alten, werden vielleicht die entscheidenden Kämpfe dieser kommenden Revolution nicht erleben.“ Neun Wochen später war der Zar gestürzt. Zehn Monate später stand derselbe Mann an der Spitze der Regierung Russlands.

Ein Bruder am Galgen

Wladimir Iljitsch Uljanow kam 1870 in Simbirsk an der Wolga zur Welt, Sohn eines Volksschulinspektors, in gesicherten Verhältnissen. Die Sicherheit hielt siebzehn Jahre. Sein älterer Bruder Alexander, Student in Petersburg, gehörte zu einer Gruppe, die ein Attentat auf Zar Alexander III. plante. Die Polizei kam ihr zuvor. Am 20. Mai 1887 wurde Alexander Uljanow in der Festung Schlüsselburg gehängt, einundzwanzig Jahre alt. Wladimir saß in diesen Wochen über seinen Abiturprüfungen. Im Dezember flog er nach einem Studentenprotest von der Universität Kasan, das Examen holte er 1891 als Externer nach. Aus dem Tod des Bruders zog er einen anderen Schluss als dieser: nicht der Anschlag Einzelner bewegt etwas, sondern die organisierte Klasse.

Der Funke und die Spaltung

1895 verhaftet, von 1897 bis 1900 nach Schuschenskoje in Südsibirien verbannt, dort 1898 mit Nadeschda Krupskaja verheiratet. Ab 1900 machte er im Exil die Zeitung Iskra (der Funke), die illegal nach Russland geschmuggelt wurde. 1902 erschien Was tun?, sein Plädoyer für eine Partei, die nicht bloß Stimmungen verwaltet, sondern weiß, warum sie tut, was sie tut. An dieser Frage zerbrach die russische Sozialdemokratie 1903 in London in Bolschewiki und Menschewiki. Im Weltkrieg stand er fast allein: Europas große sozialdemokratische Parteien bewilligten ihren Regierungen die Kriegskredite, er nicht. Zwischen Januar und Juni 1916 schrieb er in Zürich Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, eine nüchterne Rechnung mit klarem Befund: „Der Imperialismus ist das monopolistische Stadium des Kapitalismus.“ Der Krieg war danach kein Betriebsunfall, sondern das Ergebnis einer restlos aufgeteilten Erde.

Acht Monate, die alles drehten

Am 9. April 1917 verließ Lenin Zürich. Mit 32 Begleitern fuhr er quer durch das Deutsche Reich, das ihn reisen ließ, weil es Unruhe beim Kriegsgegner erhoffte. Am 16. April erreichte er den Finnlandbahnhof in Petrograd, stieg auf einen Panzerwagen und sprach zur Menge. Was er dann vorlegte, die Aprilthesen, hielten selbst Genossen für Wahnsinn: kein Burgfrieden mit der Provisorischen Regierung, Schluss mit dem Krieg, alle Macht den Sowjets. Im Sommer schrieb er im Versteck Staat und Revolution. Am 25. Oktober, dem 7. November nach heutigem Kalender, übernahmen die Sowjets die Macht, Lenin wurde Vorsitzender des Rats der Volkskommissare. Die ersten beiden Beschlüsse: Der Großgrundbesitz wurde entschädigungslos aufgehoben, das Dekret über den Frieden bot allen kriegführenden Völkern sofortige Verhandlungen an, „ohne Annexionen und ohne Kontributionen“. Für Millionen Soldaten in den Gräben Europas war das die erste Regierung, die etwas anderes anbot als die nächste Offensive.

Der Preis des Bürgerkriegs

Was danach kam, gehört dazu. Die Konstituierende Versammlung, in der die Bolschewiki eine Minderheit waren, wurde am 6. Januar 1918 auseinandergejagt. Der Frieden von Brest-Litowsk am 3. März 1918 kostete riesige Gebiete, Lenin setzte ihn gegen die eigenen Reihen durch. Ab 1918 landeten britische, französische, US-amerikanische und japanische Truppen im Land, dazu Kontingente aus einem Dutzend weiterer Staaten. Die Antwort hieß Kriegskommunismus: Getreide wurde requiriert, Widerstand von der Tscheka gebrochen, nach dem Attentat auf Lenin im August 1918 wurde der Rote Terror erklärte Politik. 1921 verhungerten an Wolga und Ural Millionen Menschen, im März erhoben sich die Matrosen von Kronstadt, einst die Vorhut der Revolution, und wurden niedergeschlagen. Im selben Monat brach Lenin mit dem Kriegskommunismus und setzte die Neue Ökonomische Politik durch.

Ab Mai 1922 warfen ihn Schlaganfälle aus der Arbeit. Im Brief an den Parteitag, diktiert im Winter 1922/23, urteilte er über den Apparat, den er mit aufgebaut hatte: „Stalin ist zu grob.“ Er schlug vor, ihn als Generalsekretär abzulösen. Der Brief wurde weggeschlossen. Am 21. Januar 1924 starb Lenin in Gorki bei Moskau.

Warum das heute zählt

2026 liest sich das Buch von 1916 wie ein Kommentar zur Tagesschau. Die Rüstungshaushalte klettern auf Rekordstände, begründet mit der Bedrohung durch die jeweils anderen. Um Lithium, Kobalt, seltene Erden und Chips läuft ein Verteilungskampf, in dem Zölle, Sanktionen und Exportverbote zu Waffen werden, Lieferketten zu Druckmitteln. Das ist kein Durcheinander, sondern ein Muster, und Lenin hat es in Begriffe gefasst, die tragen: Konzentration, Finanzkapital, Kapitalexport, Neuaufteilung einer längst verteilten Welt. Wer so hinsieht, redet über Aufrüstung nicht als moralisches Problem, sondern als Interessenfrage, mit Adressen und Bilanzen.

Deshalb steht er hier. Nicht als Heiliger, die Jahre 1918 bis 1921 verbieten jede Legende. Sondern als der Mann, der gezeigt hat, dass eine für ewig gehaltene Ordnung binnen Monaten enden kann und dass eine Bewegung ohne klaren Kopf im Kreis läuft. Im Januar 1917 hielt er sich selbst für zu alt für die Revolution. Er hat sich geirrt.

„Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben.“