Porträt von Friedrich Engels
Foto: William Hall, 1877. Gemeinfrei, über Wikimedia Commons.
Philosoph und Mitverfasser des Manifests

Friedrich Engels

1820 bis 1895

Fabrikantensohn, Chronist der Elendsviertel, Geldgeber der Revolution: ein Leben zwischen Kontorstuhl und Barrikade.

Medaille anklicken: das Zitat steht auf der Rückseite.

Manchester, 1843. Ein Dreiundzwanzigjähriger in gutem Tuch geht dorthin, wo Leute seines Standes nicht hingehen: in die Gassen hinter den Spinnereien, in Kellerwohnungen ohne Fenster, an Abtritte, die in offene Gräben laufen. Geführt wird er von Mary Burns, einer irischen Arbeiterin, die später seine Lebensgefährtin wird. Tagsüber sitzt derselbe Mann im Kontor der Baumwollspinnerei Ermen & Engels, an der sein Vater beteiligt ist. Abends notiert er, was er gesehen hat. Zwei Jahre später erscheint daraus Die Lage der arbeitenden Klasse in England, und darin präsentiert er seiner eigenen Klasse die Rechnung: Er beschuldige die Bourgeoisie, schreibt Friedrich Engels 1845, „geradezu des sozialen Mordes“.

Barmen, Baumwolle, Bibelstunde

Geboren wird er am 28. November 1820 in Barmen, heute ein Stadtteil von Wuppertal. Der Vater ist Baumwollfabrikant, das Haus streng pietistisch, der Sohn der älteste von neun Kindern. Vorgesehen ist ein Leben im Familiengeschäft. Im September 1837 verlässt Engels das Elberfelder Gymnasium, ein Jahr vor dem Abitur, und geht in die Kaufmannslehre nach Bremen. Dort tut er beides zugleich: Rechnungen schreiben und schreiben. 1839 erscheinen im Telegraph für Deutschland seine Briefe aus dem Wuppertal, unter dem Decknamen Friedrich Oswald, weil der Vater sie sonst lesen würde. Achtzehn ist er da. Die Frömmigkeit der Fabrikherren und das Elend ihrer Weber stehen schon in diesem Erstling nebeneinander. Ab September 1841 leistet er in Berlin seinen Dienst als Einjährig-Freiwilliger bei der Garde-Artillerie und hört nebenbei an der Universität zu, mitten im Kreis der Junghegelianer.

Der Wendepunkt heißt Manchester

Im November 1842 schickt ihn der Vater nach England, ins Kontor der Firma, vermutlich auch, um ihn von den Berliner Umtrieben wegzubekommen. Der Plan geht gründlich schief. Manchester ist damals die modernste Stadt der Welt und zugleich ihr Schaufenster für alles, was moderne Industrie den Menschen antut. Engels sieht sich das nicht aus der Kutsche an, er geht hinein. Die Lage der arbeitenden Klasse in England entsteht zwischen November 1844 und März 1845 und ist bis heute eine der ersten empirischen Sozialstudien überhaupt: Straßenzüge, Sterberaten, Löhne, Kinderarbeit, alles belegt, alles benannt. Auf dem Rückweg macht er Ende August 1844 in Paris Station und trifft Karl Marx. Zehn Tage reden die beiden. Danach arbeiten sie vierzig Jahre zusammen.

Zwei Leben gleichzeitig

Im Februar 1848 erscheint das Manifest, an dem beide geschrieben haben. Engels redigiert die Neue Rheinische Zeitung mit, und als 1849 die Revolution in ihre letzte Runde geht, greift er zur Waffe: im badisch-pfälzischen Aufstand als Adjutant August Willichs. Seine Freunde nennen ihn später den General, halb im Scherz, halb ernst gemeint, weil kaum jemand in der Bewegung so genau über Militärfragen schreibt. Nach der Niederlage folgt der bittere Teil. Im September 1850 kehrt er nach Manchester zurück, an denselben Schreibtisch, in dieselbe Firma, deren Profite er verabscheut, und bleibt dort fast zwanzig Jahre. Er tut es, damit Marx im Lesesaal des Britischen Museums sitzen kann. Ohne Engels‘ Geld wäre Das Kapital nie geschrieben worden, so einfach ist das. Am 30. Juni 1869 verlässt er zum letzten Mal das Kontor. Eleanor Marx hat überliefert, wie er den Stock in die Luft warf, sang und lachte. 1870 zieht er nach London, in die Regent’s Park Road 122. Es folgen die Werke, die den Marxismus für Generationen lesbar gemacht haben: der Anti-Dühring 1878, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft 1880, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats 1884. Nach Marx‘ Tod 1883 entziffert er dessen Handschrift und gibt den zweiten Band des Kapitals 1885 heraus, den dritten 1894. Ein Jahr darauf, am 5. August 1895, stirbt er in London.

Warum das heute zählt

Engels hat 1872 eine Schrift über die Wohnungsnot geschrieben, Zur Wohnungsfrage. Sein Befund: Die Bourgeoisie habe „nur eine Methode, die Wohnungsfrage in ihrer Art zu lösen“, nämlich so, „dass die Lösung die Frage immer wieder von neuem erzeugt“. Wer 2026 in Lübeck eine bezahlbare Wohnung sucht, wer zusieht, wie sanierte Altbauten die Mieter wechseln statt der Mieten, der liest das nicht als Geschichte. 1893 kam eine zweite Schrift dazu, Kann Europa abrüsten?, zuerst im Vorwärts. Engels rechnete darin vor, dass Abrüstung machbar ist und Deutschland sie anführen könnte. Man halte das neben die Milliardenpakete von heute. Und die Arbeit selbst? Befristung, Leiharbeit, Schichten, die nicht zum Leben passen: Der Kellerraum in Manchester hat andere Adressen bekommen, das Prinzip dahinter nicht. Engels war dabei kein Heiliger. Er hat vom selben Mehrwert gelebt, den er analysierte, und er wusste es. Genau deshalb taugt er nicht zur Ikone, sondern zum Werkzeug. Seine Grundidee, dass ein Staat am Ende nicht per Beschluss verschwindet, sondern überflüssig wird, setzt eine Gesellschaft voraus, in der niemand mehr in einem solchen Keller wohnen muss. Von dort aus ist noch Arbeit zu tun.

„Der Staat wird nicht abgeschafft, er stirbt ab.“

Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, 1880 Beleg ansehen